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„Mach keine Schritte, die größer sind als deine Füße“

Im Gespräch mit Toni Harrer.

Toni Harrer über Eis, Bauchgefühl und die Kunst, das eigene Ego nicht mit Intuition zu verwechseln.

Interview: Ernst Demmel.

Es gibt Unternehmer:innen, die sprechen über Intuition, als wäre sie ein inneres Navigationsgerät. Toni Harrer tut das nicht. Bei ihm klingt Intuition weniger nach plötzlicher Eingebung als nach einem Vorgang: hinschauen, zuhören, schmecken, reden, weiterdenken. Und dann irgendwann entscheiden.

Harrer ist Eisproduzent. Das hilft. Wer Eis macht, kann sich nicht vollständig hinter Strategiepapieren verstecken. Am Ende steht jemand im Eissalon vor der Vitrine, nimmt den ersten Löffel ... und entscheidet, ob was Sache ist.

Die Familie Harrer eröffnete 1988 im heutigen Stammhaus Sollenau ihre erste Eisdiele. Heute wird das Harrer-Eis täglich frisch in der Manufaktur in Sollenau produziert. Neben den eigenen Standorten betreut das Unternehmen auch den Vertrieb eigener Eisgrundmassen und Eis-Konzepte. Je nach Saison beschäftigt man zwischen 30 und 70 Mitarbeiter:innen.

Toni Harrer spricht über Bauchentscheidungen nicht romantisch. Er kennt ihre Kraft. Aber auch das Risiko, dass innewohnt. Denn manchmal, sagt er, ist es gar nicht die Intuition, die da spricht. Sondern das Ego. Oder die Gier. Oder der Glaube, mit 30 könne einem nichts passieren.

Wann hast du zum ersten Mal eine Entscheidung getroffen, die du nicht sauber begründen konntest – bei der du aber gespürt hast: Das machen wir jetzt?

Das war 1987, als mir vorgeschlagen wurde, in Sollenau ein Geschäft zu machen. Das war damals mein zweites Geschäft. Ein Bekannter, ein sehr erfolgreicher und angesehener Wirtschaftstreibender, hat mir diesen Standort vorgeschlagen.Ich habe zuerst gesagt: Was mache ich dort? Das ist ja irgendwo weit weg. Ich wollte das eigentlich nicht. Aber ich wollte auch nicht Nein sagen, ohne es gesehen zu haben.

Also bin ich hingefahren. Der Eigentümer hat mir alles gezeigt. Und plötzlich habe ich etwas gespürt. Ich habe mir gedacht: Hey, das ist lässig. Vielleicht sollte man den Gedanken doch weiterverfolgen. Das haben wir gemacht – und es ist eine wirkliche Erfolgsgeschichte geworden. Bis heute. Es wird jedes Jahr besser.

Also war es nicht der Businessplan, sondern die Stimmigkeit vor Ort?

Ja. Der Ort, das Ambiente. Und das, obwohl es viele Gegenstimmen gab. Unter anderem auch von meinem Vater, den ich damals immer wieder als Mentor eingebunden habe. Er hat gesagt: "Was willst du dort? So ein Blödsinn." Heute muss man sagen: Das hätte sich niemand gedacht, dass das so prosperieren kann.

Eis ist ein sehr sinnliches Produkt. Wie entscheidet man da – mit Zahlen, Marktforschung oder dem Bauch?

Marktforschung gar nicht. Am Ende des Tages geht es darum: Schmeckt es oder schmeckt es nicht? Aber das Produkt allein ist nicht alles. Eis ist die Basis, keine Frage. Aber zu einem erfolgreichen Unternehmen gehören auch die Infrastruktur, die Menschen, die Organisation. Das alles muss in einer sehr hohen Qualität zusammenkommen.

Wir fragen viel – Kund:innen, Mitarbeiter:innen, Partner:innen: Wie geht es dir? Was läuft? Was nervt? Was gefällt dir? Auf dieser Basis, auf diesem Gefühl, legen wir dann unsere nächsten Schritte fest.

Das heißt, dein Bauchgefühl ist kein einsames Gefühl. Es wird gefüttert.

Genau. Beobachten, zuhören, aber auch überlegen: Was könnte passieren? Was verändert sich?

Aber irgendwann muss man sich entscheiden. Und man hat ja die Daten aus der Zukunft nicht. Wir wissen nicht, was morgen passiert. Wir können nur sagen: Sind wir mit dem Weg, den wir einschlagen, gerüstet oder nicht?

Du beschreibst dich selbst eher als Daten- und Faktenmenschen. Wo kommt dann die Intuition ins Spiel?

Ja, ich bin eher der Daten- und Faktenmensch, meine Frau ist mehr der Gefühlsmensch, eher intuitiv. Und gemeinsam finden wir einen Mittelweg.

Aber die Endentscheidung selbst kann nur intuitiv sein. Man kann nicht sagen: Wir machen das, weil die Zahlen das sagen. Die Zahlen helfen, etwas anzuschauen. Aber am Schluss setzt man auf etwas. Oder nicht.

Gab es Bauchentscheidungen, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben?

Ja, durchaus. Sogar ein sehr großes Projekt. Es ging darum, ein Gebäude zu kaufen, in dem ein Eisgeschäft war. Ich hatte auch da ein gutes Gefühl, innerlich war eine Sicherheit da: Das schaffen wir, das machen wir.

Tatsächlich ist es ziemlich in die Hose gegangen. Schon der Bau war 40 Prozent zu teuer, die Partnerwahl schwierig. Die ersten Jahre waren noch eine Erfolgsstory, dann hat es zunehmend zu bröckeln begonnen. Die Sache wurde immer schwieriger und zäher und hat mich fast in den wirtschaftlichen Ruin gezogen.

Aus heutiger Sicht: War das Bauchgefühl damals falsch?

Das kann ich im Nachhinein gar nicht so eindeutig sagen. Aber ich habe daraus zwei Dinge gelernt.

Erstens: Mach keine Schritte, die größer sind als deine Füße.

Und zweitens: Man sollte unterscheiden, was ein stimmiges Gefühl ist – und wo das Ego mitspielt. Ich denke, damals war schon viel Ego dabei. Und durchaus auch Gier. Der Wunsch, etwas Großes und Tolles zu machen. Das hat die Stimmigkeit überlagert.

Ich höre heraus, du unterscheidest zwischen Ehrgeiz und Ego. Wo ist für dich der Unterschied?

Ehrgeiz ist für mich nicht schlecht. Ehrgeiz heißt: Ich will etwas gut machen ... und bin bereit, dafür etwas zu geben.

Aber wenn es Richtung Ego geht, Richtung Gier, Richtung Größenwahn, dann wird es gefährlich. Ich war damals 30, bis dahin ist mir alles gelungen – da glaubt man schnell: Mir kann nichts passieren.

Heute stelle ich andere Fragen: Wie kann ich helfen? Was ist der Nutzen für die Menschen? Was haben alle davon? Wenn das im Vordergrund steht, kommt das andere eher nach.

Wird Intuition mit den Jahren besser?

Naja, ich würde sagen: Man wird gelassener. Und so wird es auch spielerischer.

Früher war da mehr Druck, dieses unbedingte Wollen. Heute schauen wir uns Dinge an. Wenn etwas Neues daherkommt, sage ich oft: Lass uns den Gedanken weiterdenken. Wir müssen es ja nicht gleich tun. Und dann nehmen wir uns Zeit und spüren wir hinein. Denn am Ende geht es auch um Lebensqualität: Verbessert eine Entscheidung unser Leben, unser Unternehmen? Wenn nicht, dann machen wir es nicht.

Du hast gesagt: Ihr spielt Unternehmen. Magst du das genauer beschreiben?

Wir spielen das Unternehmen. Es ist nicht das Spielen um des Spielens willen. Wir wollen schon auch gewinnen. Gewinnen heißt für uns: Topqualität haben, Menschen überzeugen, begeistern, dieses Lächeln auslösen, wenn jemand zu uns kommt. Und mit Menschen meine ich alle: Kund:innen, Mitarbeiter:innen, Partner:innen.

Merken das die Mitarbeiter:innen?

Ganz sicher. Wir haben Mitarbeiter:innen, die seit über 30 Jahren bei uns sind. Die haben in ihrem Leben nie woanders gearbeitet. Das sagt schon etwas. Aber es passiert nicht von selbst. Früher ging es für viele um Existenz und Sicherheit. Heute sind andere Bedürfnisse fast wichtiger: Zugehörigkeit, Wertschätzung, ein gutes Miteinander.

Wir arbeiten seit Jahren stark über das Positive: Was schätzen die Kund:innen an uns? Dafür bedanken wir uns. Und dann fragen wir: Wie können wir das weiter ausbauen? Das funktioniert nicht immer gleich. Wir sind alle Menschen, einmal so, einmal so. Aber in Summe sind wir damit sehr weit gekommen.

Zum Abschluss: Nicht nur Eis, auch KI ist in aller Munde. Was bedeutet das für Entscheidungen im Unternehmen?

KI entscheidet auf Basis der Vergangenheit – und viele Unternehmen tun das mit und ohne KI so. Aber was wir brauchen, sind Modelle, die einen Blick in die Zukunft öffnen, ein Gefühl dafür. Und ja, ich bin überzeugt: Wir Menschen können Fragen und Ideen anders vernetzen, weil wir anders in die Zukunft schauen können.

Aber der Mensch wäre wohl der bessere, wenn er gemeinsam mit der KI wirtschaftet – und wenn es dabei gelingt, Ego und Gier ein Stück weit beiseitezulassen.

Toni Harrer

Toni Harrer

Toni Harrer ist Konditormeister, Unternehmer und Berater. Gemeinsam mit seiner Familie steht er hinter Harrer Eis, dessen Geschichte 1988 mit der ersten Eisdiele im heutigen Stammhaus Sollenau begann. Heute wird das Harrer-Eis täglich frisch in der Manufaktur in Sollenau produziert; das Unternehmen betreibt eigene Standorte, entwickelt Eisgrundmassen und Eis-Konzepte und beliefert Partner:innen im Lebensmittelhandel und der Gastronomie.

Toni lebt in Niederösterreich.

www.harrer.co

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