Background image for section-1

Was in uns mitschwingt

Im Gespräch mit Thomas Stemmler.

Der Musiker Thomas Stemmler über Sonuistik, Geborgenheit, Markenklang – und darüber, warum Intuition manchmal weniger mit Nachdenken zu tun hat als mit Nachschwingen.

Interview: Ernst Demmel.

Thomas Stemmler nennt sich Markenklangmacher. Das klingt für die meisten wohl zunächst nach Audiologo, Werbejingle und akustischer Wiedererkennbarkeit. Also nach jenem kurzen Sound, der beim Einschalten eines Geräts, vor einem Podcast oder am Ende eines Werbespots ins Ohr springt: "Hallo, ich bin's, die supercoole Brand." Klingt ... naja ... anstrengend.

Doch wie vieles, was man so spontan mit der Werbewelt assoziieren möchte, trifft das auf Thomas so gar nicht zu. Seine Klänge drängen sich nie überfordernd in die Wahrnehmung. Denn Thomas sucht die leisen Töne. Und bevor für Auftraggeber:innen überhaupt einer erklingt, will er wissen: Wer bist du? Was machst du? Warum machst du das? Und was davon ist nicht nur eine lauwarme Behauptung, sondern echter innerer Kern?

Genau dafür hat er seine eigene Methodik entwickelt: die Sonuistik. Sie baut auf der Intuistik von Frank H. Sauer auf, die sich - bislang unveröffentlicht - mit verschiedenen Motiven der Intuition beschäftigt. Thomas übersetzt diese Motive nicht einfach in Musik, sondern in Verhältnisse. In Harmonien, Schwingungen, Strukturen. Er macht Werte hörbar.

Mutet esoterisch an? Nein. Tut es spätestens dann nicht mehr, wenn man Thomas zuhört. Und so führen wir ein Gespräch über einen alten Kassettenrekorder, JeanMichel Jarre und Tangerine Dream, Stimmgabeln auf Holz – und suchen Antworten auf die Frage, woran wir erkennen, dass etwas stimmt, bevor wir es erklären können.

Thomas, gab es einen Moment, in dem du etwas gehört hast, lange bevor du es verstehen konntest – einen, der dich bis heute begleitet?

Ja und ja, aber vielleicht nicht so, wie du das gerade meinst. Da gibt es eine Erinnerung an meinen alten Siemens-Kassettenrekorder, mit eingebautem Mikrofon, eingebautem Radio. Den habe ich damals von meinem Onkel geschenkt bekommen, und vor dem Ding konnte ich Stunden verbringen.

Was mich da so gebannt hat, war dieses umhüllende Gefühl von Geborgenheit. Nur aufgrund der Kraft von Musik und der Kraft der Klänge. Und das ist das, was mich auch heute antreibt: dass ich genau dieses Gefühl geben möchte: Verbundenheit. Vielleicht ein bisschen träumerisch, aber das ist mir egal.

Da muss ich gleich nachhaken: Welche Musik war das?

Als 74er-Jahrgang haben mich hauptsächlich die 1980er geprägt. Elektronische Sounds. Jean-Michel Jarre hatte erheblich großen Anteil. Dann Tangerine Dream ... zum Beispiel „White Eagle", das Thema zur "Tatort"-Episode „Das Mädchen auf der Treppe". Ich hatte großes Glück, in einem Jahrzehnt aufzuwachsen, in dem sehr viel neuartige Musik mit neuen Instrumenten entstanden ist.

Waren es nur Musikstücke, die dich als Kind fasziniert haben – oder gab's auch Alltagsklänge, von denen etwas ausging?

Sehr sehr viele, aber das konnte ich damals noch gar nicht greifen. Es war auch nicht das eine Geräusch, sondern pures Entdeckertum: Was kommt da raus, wenn man darauf herumtrommelt? Relativ früh bin ich an eine kleine Stimmgabel gekommen und war fasziniert, wie zum Beispiel Holz mitschwingt. Alles natürlich kein intellektuelles Erfassen, mehr ein Erleben und Spüren. Mir ging es um Klang, um Harmonie.

Du hast einen eigenen Begriff geprägt: "Sonuistik", aufbauend auf der "Intuistik" von Frank H. Sauer. Wie wird aus einem inneren Wert ein Klang – und warum braucht es dafür eine eigene Disziplin?

Meine Arbeit ist es, Sounds für Unternehmen zu gestalten – aber eben nicht irgendwelche Trällerchen, nicht diese typische Trailer-Mucke, die überall untergelegt wird. Ich möchte spüren: Wer bist du, was machst du und warum machst du das? Da sind wir dann, ganz klassisch, beim Thema "Werte". Nun bedeuten Werte für jeden Menschen etwas komplett Unterschiedliches. Selbst wenn man sich halbwegs einig ist, was ein Begriff aussagt, ist seine Bedeutung doch für jede und jeden anders entstanden.

Frank hat mit seiner Intuistik die Motive der Intuition herausgearbeitet. Und ohne, dass ich seinen Ansatz kannte, habe ich schon unbewusst hingeforscht. In dem Moment, wo ich darauf gestoßen bin, war mir klar: Das ist jetzt der Unterbau zu meinen Erkenntnissen. Ich habe dann den unterschiedlichen Motiven Verhältnisse von Klangbestandteilen zugeordnet. Harmonieverhältnisse, Schwingungsverhältnisse. Und das meine ich nicht im esoterischen Sinn, da sind wir bei purer Physik.

Also universell?

Das zu behaupten, hab' ich mich nicht getraut. Aber zumindest kulturübergreifend. Mir ist wichtig, dass es musikalisch-kulturell unabhängig funktioniert. Und deshalb heißt der Ansatz auch nicht Sonuvaluistik, sondern Sonuistik. Weil er eben nicht direkt auf einzelnen Werten aufbaut, sondern auf den Motiven der Intuistik. So wie Werte aus einzelnen Motiven der Intuition in unterschiedlicher Gewichtung erwachsen, kann ich das klanglich genauso aufbauen. Von innen heraus, nicht von außen herein.

Und dadurch, dass ich nur Klangverhältnisse beschreibe, kann ich jeden Grundton nehmen. Es spielt keine Rolle, ob ich das in eine klassische Komposition packe, in eine Punk-Nummer oder was auch immer. Es bleibt erkennbar. Nicht der Stil trägt den Wert. Der Wert trägt den Stil.

Du sagst, Klang reiche tiefer als Worte. Was erreicht ein Ton in uns, das Sprache nicht erreicht?

Gesprochene Sprache ist eine Ansammlung geformter Klänge. Wobei mir bewusst ist, dass ich mich durch so eine Aussage mit der Sprachwissenschaft anlege. Aber, durch meine klangliche Brille gesehen ist das so.

In manchen Situationen finden wir keine Worte. Ich wage zu behaupten, dass es jede Menge auch nicht musikalisch geprägter Menschen gibt, die bei einem bestimmten Song, einer bestimmten Melodie, einer bestimmten Harmonieführung auf einmal merken: Genau das ist es, was ich gerade fühle – ich konnte es aber nicht beschreiben.

Ich bin nun in der Sonuistik so weit, dass ich sage: So eine Erfahrung, so ein direktes Ansprechen der Intuition, kann auch ein einzelner Klang herstellen. Kompositorisch bekommt in Folge der Begriff "Freiheit" bei dir ein komplett anderes Kleid als bei mir. Das formt es individuell.

Aber wie kommst du zu dem Punkt, dass das Ergebnis stimmig ist? Folgst du deiner eigenen Intuition und hoffst auf die Intuition des Gegenübers – oder ist das Schaffen eingebettet in viele rationale Überlegungen?

In erster Linie baue ich das intuitiv, empathisch. Wenn ich am Machen bin, fließt es automatisch. Mir ist aber auch klar: Ich bin ein menschliches Wesen und zeige nicht jeden Tag dasselbe Feingefühl. Deshalb braucht es ein Gerüst, in das ich mich wieder einhängen kann, wenn es mit der Intuition mal nicht hinhaut. Daraus ist die Sonuistik geworden.

Wir leben in einer geräuschvollen Zeit – Noise ist omnipräsent. Wie viel Stille braucht es, um in diesem Klang, in dieser Emotion, die mit den Werten verknüpft ist, überhaupt ankommen zu können?

Das darf man je nach Einsatzgebiet unterschiedlich betrachten. Wenn wir in der Außendarstellung sind, auf Social Media, geht es nicht zwingend darum, eine Ruhephase zu schaffen – außer der Markenkern oder das Produkt möchte genau das hervorrufen. Aber dann sollte klanglich einleitend etwas passieren, um den Noise herunterzufaden und vielleicht einen Moment der Stille zu erzeugen – so, dass klar ist: Das hier ist kein Fehler, das ist gewollt.

Bei Meditationen zum Beispiel, die ich zu Stimme und Sprechrhythmus mitentwickelt habe, bleibt viel, viel mehr Zeit als nur fünf Sekunden. Hier kann man Menschen mit Klängen aus einem Zustand holen und in einen anderen überführen. Wichtig auch: Innere Ruhe resultiert nicht aus der Abwesenheit von Klang ... so wie Geborgenheit auch nicht zwingend leise sein muss. Man kann beides auch im Lärm finden.

Wenn du der Intuition selbst einen Klang geben müsstest – keinen Begriff, nur einen Ton: Wie würde sie klingen?

Ich glaube, ich könnte das nur für mich als Artist machen – mein total subjektives Empfinden. Und da Intuition bei mir so drastisch mit Geborgenheit verknüpft ist, könnte ich es nie getrennt von diesem Gefühl tun.

Wir sind in unserem Gespräch nun schon ein paar Mal am Begriff "Geborgenheit" vorbeigekommen, beginnend beim Kassettenrekorder der Kindheit. Heißt Intuition für dich "ganz bei sich sein"?

Für mich, in meinem Empfinden: ja. Wobei – so ganz ohne das Außen ist es nicht darstellbar. Weil wir soziale Wesen sind, können wir es nicht nur auf uns selbst beziehen. Intuitive Reaktionen passieren immer auch aufgrund von Außeneinwirkung. Insofern: Ganz ohne das Außen, glaube ich, funktioniert es nicht.

Thomas Stemmler

Thomas Stemmler

Thomas Stemmler ist Komponist, Sounddesigner und „Der Markenklangmacher". Er übersetzt Unternehmenswerte in Klangidentitäten, die über Audiologos und Jingles hinausgehen. Seinen ersten Unternehmenssound schuf er 2012, seit 2021 arbeitet er professionell als Klangdesigner; Anfang 2023 positionierte er sich als Markenklangmacher. Mit der Sonuistik hat er eine eigene Methodik entwickelt, die auf der Intuistik von Frank H. Sauer aufbaut und die Motive der Intuition in Klangverhältnisse übersetzt.

Thomas lebt in Baden-Württemberg.

www.markenklangmacher.de

Der Intuition Raum geben

Gespräche über das, was wir spüren, bevor wir es wissen.

Auf Linkedin abonnieren

Finde die inspirierendsten Formate, Werkzeuge und Köpfe für dein Unternehmen: