Background image for section-1

"Ich entscheide mich eigentlich nicht"

Im Gespräch mit Peter Reischl.

Peter Reischl ist einer dieser Menschen, bei denen man nie ganz sicher ist, ob man sich gerade in einem Strategiegespräch, einer Performance oder mitten in einer gut getarnten Intervention befindet. Wahrscheinlich ist es vieles gleichzeitig.

Interview: Ernst Demmel.

Er arbeitet mit Führungsteams, begleitet Veränderungsprozesse und stellt dabei mit eigenwilliger Selbstverständlichkeit Dinge in Räume, die dort definitiv nicht vorgesehen waren: Schafherden, Trompetenspieler, Pappfiguren oder andere präzise Irritationen, die weniger erklären als auslösen.

In einem Zoom-Call haben Peter und ich nun darüber gesprochen, warum gute Entscheidungen selten nur im Kopf entstehen und warum die kleinstmögliche Intervention oft die größte Wirkung zeigt.

Peter, du bist Berater und Künstler – mehr oder weniger parallel. Wie entscheidest du, welcher Teil von dir gerade gefragt ist?

Ich entscheide mich eigentlich nicht. Ich bin ein großer Freund der Improvisation – das ist so ein lebenserleichterndes Werkzeug, das mir sehr nahe liegt. Es ist wohl eher so, dass mich Situationen in Rollen hineinschleudern. Es gibt Momente mit Unternehmen, wo ich eigentlich als Berater dort sein sollte und mich plötzlich in einer clownesken Performance wiederfinde, weil das dem Team gerade helfen könnte – etwas rauszukitzeln, was man einem Unternehmensberater so vielleicht nie sagen würde.

Das Einzige, was ich dabei wirklich bewusst entscheide, ist mein Outfit. Ich habe quasi zwei Kleiderschränke – nicht politisch links und rechts, sondern nach Aufmaschelungsgrad. Wie ich dann tatsächlich daherkomme, ergibt sich aus dem Kontext.

Also eher Reaktion als Plan?

Ja, eindeutig extrinsisch beeinflusst. Der Raum, die Menschen, die Stimmung – all das entscheidet mit. Ich stehe selten in der Früh auf und denke mir: Heute bin ich Künstler. Das fällt mir schwer. Wäre vielleicht cool, aber ich bin in dem, was von mir kommt, sehr von meinem Umfeld abhängig.

Eine Schafherde im Konzernfoyer. Ein Trompetenspieler, der die Mitarbeiter:innen-Befragung vertont. Wie entspringt so etwas?

Das ist das Schöne – das kommt einfach. Das ist kein Prozess, bei dem ich mich am Schreibtisch hinsetze und eine Schafherde entwerfe. Die Ideen tauchen auf. Sie fallen quasi aus dem Universum.

Aber natürlich gibt es eine Grundlage dafür. Ich kenne die Fragestellung, ich spüre die Herausforderung. Vielleicht habe ich auch einen Eindruck davon, was fehlt – was da sein könnte und gerade eben nicht ist. Und daraus formt sich dann irgendwann eine Idee.

Die Mitarbeiter:innen-Befragung zum Beispiel: Darüber geredet haben eh schon alle. Also spielen wir sie halt mal. Dann kann sie klingen, traurig sein, schnell oder langsam. Dann wird etwas körperlich erfahrbar, das vorher nur in einer Präsentation existiert hat. Ich finde das eigentlich ziemlich naheliegend.

Aber wie weißt du, dass das die richtige Irritation ist – für genau diese Organisation?

Genau wissen tut man es nie. Man kann verschiedene Szenarien vorausdenken, überlegen, was es auslösen könnte. Aber systemtheoretisch weiß man auch: Du kannst etwas in ein System hineinwerfen – und was dann wirklich herauskommt, ist eine andere Sache. Wie Frau X und Herr Y reagieren oder was sie später beim Kaffee besprechen, das kann man nicht planen.

Deswegen starte ich meistens mit der kleinstmöglichen Intervention. Etwas hinstellen, das vielleicht noch gar nicht auffällt. Schauen, ob eine Reaktion kommt. Und dann anpassen – größer, lauter, woanders hin.

Viele deiner Arbeiten sind Gratwanderungen. Was spürst du selbst in dem Moment, wo du eine Intervention lostrittst?

Ehrlicherweise ist man zu diesem Zeitpunkt meistens sehr mit der Vorbereitung beschäftigt – man hat wochenlang überlegt, Material organisiert, gebaut. Wenn es dann wirklich reingeht, wirkt der Job fast schon erledigt. Das erste Gefühl ist also Erleichterung. Und dann sofort: Was passiert jetzt? – Es hat etwas Kindliches. Eine neugierige Freude: Geht das jetzt schon? Reagiert jemand? Manchmal wäre ich am liebsten eine Fliege an der Wand, die durchgehend beobachtet.

In Summe eine Mischung aus Erschöpfung, Zufriedenheit und echter Spannung. Und natürlich auch das Wissen, dass man etwas in die Welt geschubst hat, was nicht jeder in die Welt geschubst hätte.

In Unternehmen arbeitest du ja de facto stets mit Gruppen. Gibt es so etwas wie eine kollektive Intuition – etwas, das eine Organisation gemeinsam erspürt?

Ja, absolut. Zuerst nimmt jede und jeder für sich auf – man sieht, hört, spürt, beobachtet vielleicht die Reaktion der anderen. Und dann geht es sehr schnell von one-on-one in die Gruppe. Es entsteht eine Meinung. Wenn Person A, die in der Organisation Einfluss hat, etwas gut findet, verändert das sofort die Wahrnehmung der anderen. Und das ist eigentlich auch das Ziel: eine kritische Menge zu erzeugen, die gemeinsam spürt – da ist etwas dran. Dass eine Organisation in eine Richtung geht, weil sie es gemeinsam gespürt hat. So verstehe ich meine Aufgabe.

Und braucht es danach noch die Reflexion – das kognitive Einordnen?

In der freien künstlerischen Arbeit – ein Werk im öffentlichen Raum, ein Text, ein Gemälde – reicht es mitunter, dass es einfach dasteht. Darin liegt etwas Magisches. Und der oder die Betrachter:in nimmt sich ganz persönlich etwas davon mit – oder eben auch nicht.

Im Unternehmenskontext finde ich es wichtig, die Erfahrungen einzufangen. Die Gruppe zusammenzuholen und zu fragen: Was hat das für dich bedeutet? Und was für uns als Gemeinschaft? Nicht weil der erste Eindruck nicht reicht – sondern weil er ja nutzbar gemacht werden soll. Und das funktioniert über Gespräche meistens sehr gut.

Viel von dem, was du schaffst, hat mit dem Unerwarteten zu tun – mit Serendipität. Glaubst du, dass solche Qualitäten verloren gehen, je mehr KI in den Betriebsalltag von Organisationen einzieht?

Nicht wirklich. Ich sehe mich als Zukunftsromantiker. Ich glaube, als Menschen finden wir Formen, auch mit tiefgreifenden Umbrüchen umzugehen.

Was ich beobachte: Es bleibt eine tiefe Sehnsucht nach echter Begegnung. Nach lebendigem Miteinander. Social Media hat das zuletzt sichtbar gemacht – nicht weil es diese Sehnsucht stillen konnte, sondern weil sie in den letzten Jahre genau das Gegenteil zur Folge hatte. Und jetzt erleben wir, wie Staaten über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche nachdenken. Das kommt möglicherweise zehn Jahre zu spät. Aber es kommt aus einem Bewusstsein heraus, dass wir das Menschliche brauchen.

Und ich denke, mit KI wird es ähnlich sein. Im Moment ist die Technologie neu und überwältigend. Aber das Berührtwerden, das Begegnen, das Überraschtsein durch etwas, das man nicht bestellt hat – das werden wir weiterhin suchen. Und so werden wir auch da wieder gegensteuern.

Peter Reischl

Peter Reischl

Peter Reischl ist Unternehmensberater und Künstler. Er arbeitet an der Schnittstelle von Organisationsentwicklung, künstlerischer Praxis und strategischer Irritation. Seine Projekte bewegen sich zwischen Consulting, Performance und sozialer Skulptur – immer dort, wo neue Perspektiven nicht durch Analyse allein entstehen, sondern durch Erfahrung, Reibung und Resonanz.

Peter lebt in Wien.

www.trickster-company.com

Der Intuition Raum geben

Gespräche über das, was wir spüren, bevor wir es wissen.

Auf Linkedin abonnieren

Finde die inspirierendsten Formate, Werkzeuge und Köpfe für dein Unternehmen: