„Es braucht Mut, trotz Angst weiterzugehen“
Im Gespräch mit Maren Wölfl.
Maren Wölfl über weibliche Zuschreibungen, Intuition als Zukunftskompetenz, Hamsterräder als Wahrnehmungskiller – und warum ein Bauchgefühl erst wirksam wird, wenn man ihm folgt.
Interview: Ernst Demmel.
Intuition ist kein weibliches Organ. Keine hübsche Sonderausstattung, die Frauen bei der Geburt exklusiv mitgeliefert bekommen. Und doch wird sie ihnen gerne zugeschrieben: Die Frau als Sensor, als Spürende. Bei Männern klingt Ähnliches oft deutlich machtvoller. Bei Männern klingt Ähnliches oft machtvoller: Urteilskraft, Erfahrung, Instinkt für Situationen.
An dieser Reibungsfläche wird es interessant. Denn die Frage ist nicht, ob Frauen intuitiver sind als Männer. Eher schon darf man sich wundern, wieso weibliche Wahrnehmung weicher, kleiner, privater (...) beschrieben wird als männliche.
Maren arbeitet mit Frauen, Führungskräften und Organisationen an neuen Leadership-Ansätzen. Souveränere, authentischere, wirksamere. Im Gespräch mit ihr wird schnell klar: Für sie ist Intuition kein Gegensatz zu Denken, zu Daten oder zu gelebter Professionalität. Eher eine zusätzliche Ebene. Eine Antenne ... manchmal eine innere Stimme, die nur leider zu wenig gehört wird.
Maren, Frauen werden oft mit Gespür, Emotionalität und Menschenkenntnis verknüpft. Bei Männern nennt man Ähnliches dann eher strategisches Urteilsvermögen. Tut man Frauen mit diesen Zuschreibungen überhaupt etwas Gutes?
In der aktuellen Phase glaube ich: ja. Auch wenn das natürlich Attribute sind, die wir auch bekommen, weil wir so aufwachsen, wie wir aufwachsen. Vieles entsteht durch Sozialisation.
Gleichzeitig wird Frauen vor allem im Unternehmenskontext ununterbrochen erklärt, was sie noch alles können sollten, damit sie endlich in Führung kommen dürfen: mehr Selbstbewusstsein, mehr Durchsetzungsstärke, mehr Urteilsvermögen ... ich weiß gar nicht, was wir noch alles mehr brauchen sollten.
Viel zu wenig wird wertgeschätzt, was Frauen schon jetzt einbringen: Empathie, Fürsorglichkeit, Kollaboration auf Augenhöhe. In meiner Welt sind das definitiv Zukunftskompetenzen. Gerade im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.
Ich habe bei manchen Frauen in Führungsfunktionen das Gefühl, sie arbeiten ihre rationalen Argumente hervor, um diesen Zuschreibungen zu entkommen. Müssen Frauen manchmal die besseren Männer sein, um in bestehenden Systemen ernst genommen zu werden?
Das sehen wir leider ab und an. Frauen, die die besseren Männer sind oder sein wollen. Das basiert auf verschiedenen Aspekten. Einer ist sicher: Es ist nur menschlich, dass wir versuchen, uns einer Gruppe anzupassen.
Wenn man anschaut, wie in Unternehmen aktuell Karriere gemacht wird, dann sind das häufig männliche Muster. Frauen, die die einzige Frau im Team sind, bringt das in eine schwierige Position. Sie passen sich an. Und das ist schade, weil sie dadurch unauthentisch werden und oft sehr hart wirken.
Gleichzeitig ist die Zuschreibung bei einem wütenden Mann und einer wütenden Frau völlig unterschiedlich. Die Frage ist: Wie soll eine Frau überhaupt sein, damit es gut ist? Ist sie emotional, ist sie zu emotional. Ist sie nett, ist sie zu nett. Ist sie hart, ist sie zu männlich.
Wenn Intuition auch trainierte Beziehungskompetenz ist: Wird sie dort stärker, wo Menschen viel mit anderen Menschen zu tun haben – mit Kindern, Care-Arbeit, Konflikten, Stimmungen?
Ja, ich glaube schon. Frauen wie Männer können ein gutes Bauchgefühl haben. Die Frage ist eher: Wie haben wir im Laufe unseres Lebens gelernt, Signale zu lesen?
Eine der besten Führungskräfte, die ich kenne, sagt zum Beispiel: Wenn ich mir Zahlen anschaue, sehe ich das eine – mein Bauchgefühl sagt mir aber etwas ganz anderes. Gute Führungskräfte haben diese Antennen zwischen den Dingen. Sie drücken es nur oft unterschiedlich aus.
Mir ist egal, welche Worte jemand verwendet: dem Herzen folgen, Bauchgefühl, Traum, Intuition. Darüber steht: Neben den Zahlen und dem analytischen Denken gibt es noch eine weitere Ebene, die extrem wichtig ist. Rationales Denken ist gut, natürlich. Aber da gibt es eben noch etwas anderes.
Ich hab ja den Verdacht, dass Intuition Leerraum braucht. Wenn man dauernd von A nach B nach C rennt und Checklisten abarbeitet, fehlt es an Muße, diese Sensorik überhaupt zu pflegen. Wie erlebst du das?
Ja, da bin ich total bei dir. Wir brauchen Zeit für nichts.
Deswegen sehe ich die sozialen Medien und die Zeit, die wir alle mit dem Handy verbringen, sehr kritisch. Wir sind dauerbeschäftigt. Ich arbeite hauptsächlich mit Frauen und höre oft, dass sie nicht mehr fünf Minuten irgendwo sitzen und nichts tun können.
Dabei sagen die Leute ja selbst: Die besten Ideen kommen beim Spazierengehen in der Natur, unter der Dusche, an Orten, an denen man gar nicht damit rechnet. Manche nennen es Geistesblitz, andere spielen es ein wenig herunter, sagen, es sei ihnen einfach eingefallen.
Ich habe letzthin eine sehr erfolgreiche Managerin getroffen, die mir gesagt hat: Wenn sie eine schwierige Entscheidung treffen muss, geht sie im Wald spazieren. Und ich kenne das selbst. Ich habe auch so einen Kraftplatz. Unter einem Baum. Da habe ich die besten Einfälle und finde die Muße, gute Entscheidungen zu treffen.
Intuition durch Rückzug. Dazu stellst du ja auch einen Zusammenhang mit dem Spitzensport her. Wie das?
Spitzensportlerinnen und Spitzensportler wissen, dass sie Höchstleistung nur bringen können, wenn sie regenerieren und ihre Systeme runterfahren.
Viele erfolgreiche Managerinnen und Manager glauben hingegen, sie könnten immer mit 180 km/h durchs Leben rauschen. Was natürlich nicht funktionieren kann. Lustig zu beobachten: Rede ich über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, fühlen sich Frauen angesprochen. Kaum geht es um den Spagat zwischen sportlichen Höchstleistungen und Regeneration, hören die Männer zu. In Wahrheit ist es dieselbe Sache.
Maren Wölfl
Maren Wölfl ist Leadership-Expertin, Coachin, Speakerin und Autorin. Sie begleitet Frauen und Organisationen auf dem Weg zu mehr Sichtbarkeit, Wirksamkeit und echter Gleichstellung. Ihr Buch „Ein FEMALE WAKE-UP CALL. Wie Frauen souverän, authentisch und wirksam in Führung gehen“ versteht sich als Weckruf für Frauen, die nicht lauter werden wollen, sondern klarer.
Maren lebt in Wien.
Der Intuition Raum geben
Gespräche über das, was wir spüren, bevor wir es wissen.
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