„Intuition ist Meisterschaft – nicht Ahnung“
Im Gespräch mit Klaudia Granich.
Klaudia Granich über das Missverständnis hinter dem Bauchgefühl, die diplomatische Strategie erfolgreicher Businessfrauen – und die größte Falle, in die Führungskräfte tappen.
Interview: Ernst Demmel.
Seit über 25 Jahren ist Klaudia Coach und Beraterin, Inhaberin der MentorenAkademie – und beschäftigt sich mit einer Frage, die sie selbst die spannendste der heutigen Zeit nennt: Wie lassen sich weibliche und männliche Prinzipien im Business sinnvoll verbinden? Gerade jetzt, da KI alles Lineare immer besser beherrscht, wird für sie neu verhandelbar, was die menschliche Zutat eigentlich ist.
Klaudia, du hast viele Coaches in ihrer Entwicklung begleitet. Wenn Menschen lernen, anderen wirklich zuzuhören – lernen sie dabei auch, ihrer eigenen Intuition anders zuzuhören?
Das braucht eine hohe Reife. Am Anfang glauben viele, sie müssten sofort zu allem ihren Senf dazugeben. Aber Zuhören heißt empfangen. Frei werden, in die Gegenwart kommen. Sich von den eigenen guten Tipps und Tricks erst einmal verabschieden. Sonst verwechselt man Intuition mit dem, was man ohnehin gleich sagen wollte. Und das ist für mich keine Intuition, sondern einfach nur der eigene Senf.
Verlässliche Intuition kommt aus Meisterschaft. Aus jahrelangem Handwerk. Du kannst niemanden, der gerade ein Instrument lernt, Tonleitern übt, sagen: „Na, improvisier mal.“ Das wird nichts. Jazz-Musiker:innen dagegen, die lange geübt haben, können improvisieren, weil so viel Können automatisch zur Verfügung steht. Dann fallen die richtigen Dinge ein, ohne dass du bewusst darüber nachdenken musst.
Das ist für mich Intuition: Wissen und Know-how in Meisterschaft. Nicht: „Ich probiere einmal.“ Auch nicht: „Ich habe da so eine Ahnung ...“
Kann man sich grundsätzlich auf Intuition verlassen?
Ich sage einmal: nein ... zumindest nicht objektiv rein.
Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Im Nachhinein kann ich mir jede Geschichte zurechtkonstruieren, in der ich scheinbar intuitiv richtig gehandelt habe. Die Wahrheit ist sehr biegbar und dehnbar. Man kann sich vieles passend zimmern.
Wir haben ja nicht einmal eine wirklich saubere Definition von Intuition. Verlässlich wird sie für mich dort, wo sie in ein Thema fällt, das geübt wurde, wo Meisterschaft spürbar ist. Dort beweist sie sich. Wenn du guten Musiker:innen zuhörst, hörst du, dass sie sich auf ihre Intuition verlassen können, weil sie so viel können. Das ist dann eine Kompetenz, die automatisch abrufbar ist und so wirkt, als käme sie aus dem Nichts.
Im Business gewinnt fast immer die Zahl gegen das Gefühl. Warum eigentlich?
Weil ein gesellschaftliches Paradigma dominiert: Wissenschaftsgläubigkeit, Beweisgläubigkeit, Zahlen, Daten, Fakten. Die haben mehr Recht und Richtigkeit als Gefühle.
Und ja, wenn du über ein Gefühl redest, bist du schon nicht mehr im Gefühl. Sonst hättest du keine Worte. Du kannst vorher im Gefühl gewesen sein und danach darüber sprechen. Aber In-Sprache-Gießen ist schon wieder ein anderer Zustand.
Und dann kommt das Business dazu. In einem Meeting setzt du dich gegen eine Horde leichter durch, wenn du sagst: „Ich kann das beweisen“, als wenn du sagst: „Leute, wir müssen auch die feinen Töne mitbedenken. Da habe ich so ein seltsames Gefühl.“ Dann sagen die anderen: „Ja eh.“ Und du setzt dich komplett ins Out.
Das gilt für Männer und Frauen. Bei Frauen kommt die Geschlechterzuschreibung on top dazu. Darum glaube ich, dass viele Businessfrauen kapiert haben: Es ist eine schlaue diplomatische Strategie, vermeintlich rationales Futter zu liefern. Auch wenn man im Inneren in Wahrheit ein ganz anderes Navigationssystem hat.
Du sprichst gerne von weiblichen und männlichen Prinzipien. Was opfern wir, wenn wir rein linear-strategisch unterwegs sind?
Ich glaube, es ist wirklich Zeit, diese Überbeanspruchung des Männlichen zu hinterfragen: Zahlen, Daten, Fakten, Ziel, Strategie, Schritt eins, zwei, drei, vier, fünf. Wir merken ja gerade, dass das nicht die Offenbarung war.
Die Frage ist: Wie geht Business besser oder anders? Wie kommen wir angenehmer ans Ziel? Was opfert man, wenn man nur linear-strategisch vorgeht? Und was opfert man, wenn man nur intuitiv herumschwimmt?
Für mich liegt die Wahrheit immer in der Mitte. Wie können wir diese beiden Pole verbinden? Das ist für mich in der heutigen Zeit eine der spannendsten Fragen.
Gerade jetzt, in der Zeit von KI und Automatisierung. Alles, was man festschreiben und festlegen kann, alles, wo man Anweisungen geben kann, macht die KI. Das Lineare kann man prompten.
Aber was macht dann den Unterschied aus? Was kann die KI nicht? Vielleicht mussten wir bis hierher warten, um uns wirklich zu fragen: Was ist dieses menschliche Gewürz? Was ist die menschliche Zutat, die wir noch dazugeben – für Unternehmertum, für Lebensgestaltung?
Du stellst in diesem Zusammenhang auch unser Wachstumsverständnis infrage.
Zahlen, Daten, Fakten sind ja in Ordnung, wenn man sich orientieren möchte. Aber die Prämisse der Marktwirtschaft heißt: Es muss immer Wachstum geben. Und zwar zahlenmäßiges Wachstum. Mehr Effizienz. Mehr Marktanteile. Mehr Umsatz. Mehr Gewinn. Das ist super eindimensional. Selbst wenn man durch diese Brille auf ein Unternehmen blickt.
Wachstum gibt es in verschiedenen Richtungen: in die Breite, in die Höhe, in die Tiefe. Wenn man an Zyklen denkt, an Jahreszeiten, an Frühling, Sommer, Herbst und Winter, dann sieht man: Es gibt Wachstum, aber nicht immer nur nach vorne. Es gibt auch Zeiten der Regeneration, des Nach-innen-Kehrens. Auch das ist Wachstum, aber eben nach innen.
Es scheint, als bliebe dafür keine Zeit. Warum lechzen wir eigentlich ständig nach der schnellen Antwort?
Weil das Gehirn das so will. Sobald wir ein Problem haben, ist unser Gehirn inkohärent. Da funken die Neuronen nur so herum. Eine schnelle Lösung schafft wieder Kohärenz. Dann kann sich das, was im Kopf herumspukt, wieder beruhigen. Deshalb sind schnelle Lösungen so attraktiv. Vor allem auch im Business. Sie dienen einer schnellen Beruhigung.
Aber in Zeiten der Komplexität können schnelle Lösungen auch Falschleitungen sein. Man verkauft Menschen etwas, das rasant wirkt, aber nicht gut ist. Ich vermute, wir brauchen eine Schulung des Geistes. Dieses lange, lange Denken. Den Blick in eine ferne Zukunft. Bei indigenen Völkern hieß es ja auch: "in viele Generationen vorausdenken".
Und dafür fehlt es an echter, innerer Beruhigung. Du findest den Zugang zu deiner inneren Wahrnehmung erst, wenn eine gewisse Ruhe einkehrt. Wenn du in deinem Körper die Bühne frei machen kannst. Ob wir diese Wahrnehmung dann Intuition nennen, oder irgendwie anders, ist eigentlich egal.
Wenn du Führungskräften zum Thema Intuition eine Sache mitgeben dürftest – welche wäre das?
Den Ego-Stress loslassen. Die Verwechslung, dass man die Tollste oder der Tollste sein muss, ist die größte Falle.
Junge CEOs oder Abteilungsleiter:innen werden damit oft allein gelassen. Sie waren meistens vorher fachlich die Besten. Und dann kommt der Stress, als Manager:innen weiter die Besten sein zu müssen. Damit nehmen sie sich den Blick und die Wahrnehmung für ihr Team weg, weil sie zu viel mit sich selbst beschäftigt sind.
Dann können sie Mitarbeiter:innen nicht fördern und fordern, weil sie gar nicht die Zeit und die Muße haben, dorthin zu schauen. Manchmal kommt sogar die Angst dazu, dass Mitarbeiter:innen sie überholen und besser werden. Solange Führungskräfte in diesem Vergleichskampf der Kompetenz stecken, sind sie aus meiner Sicht am falschen Weg.
Führen kann ich nur, wenn ich frei bin. Frei für die Führungsaufgabe. Am Ende bist du nur so gut wie das schwächste Glied. Es geht darum, das Team in eine funktionierende Einheit zu bringen, in der jeder seine Stärken einbringt und in der sich die Menschen eher anfeuern und besser werden, statt dysfunktionale Spiele zu spielen.
Klaudia Granich
Klaudia Granich ist Mitgründerin der MentorenAkademie, konzessionierte Unternehmens- und verkaufspsychologische Beraterin. Sie stand bereits 2024 auf der Bühne des 24butterfly Corporate Karisma Festivals im Linzer Posthof – damals gemeinsam mit Doris Bösmüller.
Klaudia lebt in der Steiermark.
Der Intuition Raum geben
Gespräche über das, was wir spüren, bevor wir es wissen.
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