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„Das Wissen-Wollen habe ich durch Spüren-Wollen ersetzt“

Im Gespräch mit Klaudia Stauder.

Karin Stauder über Intuition als Erfahrungswissen, Bauchentscheidungen in KPI-Welten, weibliche Kraft – und warum es von Zeit zu Zeit still werden muss, bevor es tiefer geht.

Interview: Ernst Demmel.

Karin Stauder nennt sich selbst "Gratwanderin". Das passt wohl ganz gut so: Sie bewegt sich zwischen dem, was Menschen sagen, und dem, was sich wahrnehmbar - aber doch dahinter - verbirgt. Zwischen Verstand und Bauch quasi. Zwischen Modellwissen und einem Wissen, das auf PowerPoint-Folien schlecht stattfinden kann.

Lange war sie, sagt sie, selbst ein Kopfmensch. Unsicherheit mit Noch-mehr-Wissen kompensierend. Heute beschreibt sie eine andere Dynamik: Das Wissen-Wollen sei mehr und mehr einem Spüren-Wollen gewichen. So ist Intuition für Karin keine Eingebung von irgendwoher, sondern sozialisiertes Wissen: verdichtete Erfahrung, Körperwahrnehmung, Mut.

Karin, welche Rolle spielt Intuition in deiner Arbeit mit Führungskräften, Teams und Frauen?

Eine extrem große. Früher war mein Denken: Es muss über Wissen gehen. Führungskräfte oder Teams brauchen mehr Wissen, damit sie besser zusammenarbeiten können.

Heute bin ich davon überzeugt, dass es in meiner Arbeit ganz viel intuitives G'spür braucht. Oft gibt der Verstand eine Frage oder Antwort frei, die mit dem Intuitiven nicht so recht zusammenfindet. Man möchte sich etwas verstandesmäßig erklären, aber der Bauch stimmt dem nicht zu. Als Coachin und Beraterin stehe ich vor der Aufgabe, das Thema dahinter zu finden. Dieses Symptom zeigt ja vielleicht auf eine Verhaltensweise, die jemand verändern möchte.

Intuition hilft mir dann, wenn ich ohne den Anspruch des Wissens in eine Situation gehe. Eigentlich mit dem Anspruch, nichts zu wissen. Ich lasse Körpersprache wirken, höre auf das, was gesagt wird, und stelle die Eindrücke meinem Körper, meinem Bauchgefühl, zur Verfügung. Oft kommt dann exakt etwas anderes heraus, als wenn mein Verstand sieben Modelle oder so abarbeiten würde.

Führungskräfte müssen Entscheidungen oft mit Zahlen, Analysen und KPIs begründen. Wie passt Intuition in diese Welt?

Ich vermute, dass sehr viele Entscheidungen von Führungskräften tatsächlich intuitiv passieren. Sie werden danach nur mit Analysen erklärt, damit man später sagen kann: Es war fundiert.

Im persönlichen Rahmen höre ich oft Sätze wie: "Ich habe gespürt, dass das nicht passt." Aber nach außen braucht es irgendeine Zahl, irgendeinen Beweis. Es ist noch nicht salonfähig zu sagen: Ich spüre, dass das richtig ist.

Da braucht es Klärungsarbeit. Sagt jemand, ich entscheide intuitiv, übernimmt er oder sie ja auch deutlich mehr Risiko, als wenn man eine Entscheidung objektiviert.

Du sprichst viel von weiblicher Kraft. Was hat sie mit Intuition zu tun?

Weibliche Kraft bedeutet für mich, Intuition stärker zu leben. Wobei ich wichtig finde: Frauen haben nicht mehr Intuition als Männer. Intuition wird ihnen nur eher zugeschrieben, vielleicht tun wir uns deshalb manchmal leichter, sie zu kommunizieren.

Gleichzeitig ist genau das ein Problem. Frauen in Führungsrollen können es sich häufig gar nicht leisten, zu sagen: "Ich spüre das". Keine will in die Nähe von "typisch Frau" rücken, auch wenn's niemand ausspricht. Also eignen sie sich männlich konnotierte Attribute an, werden rationaler, härter, lauter – und hören auf, ihrer Intuition zu folgen.

Ich möchte Frauen dahin begleiten, dass sie sagen: Moment, das ist eine große Kraft in mir. Meine Intuition hat mich schon oft begleitet. Sie ist kein analytisches Wissen, aber Erfahrungswissen. Es ist untermauert mit Geschichten und Erlebnissen.

Intuition ist ja irgendwie auch ein schwammiger Begriff. Wie unterscheidest du sie von Angst oder schnellen Impulsen?

Für mich ist Intuition sozialisiertes Wissen aus meiner Biografie heraus. Gut, ganz sauber abgrenzen kann man es wahrscheinlich nicht.

Schnelle Impulse sind für mich häufig durch den Verstand gesteuert. Der sagt: Hände weg, gefährlich. Er will mich schützen. Angst liefert schneller. Emotionen liefern schneller.

Ich habe für mich eine Regel aufgestellt: Bei mir muss ein intuitives Signal mindestens dreimal kommen, bevor ich ihm folge. Wenn ich nach drei Kontakten mit einem potenziellen Auftraggeber immer noch das Gefühl habe, das ist eigenartig, dann lasse ich es. Dann sage ich: Ich glaube, wir passen nicht zusammen.

Nach dem ersten Impuls würde ich noch nicht gehen. Aber wenn dieses Gefühl wiederkommt ... und wieder, hat es für mich eine tiefere Qualität. Dann sagt die Summe meiner Erfahrungen: Ich weiß nicht, ob das funktionieren wird.

Woran merkst du in deiner Arbeit mit Gruppen, dass hier nicht nur die Köpfe mitwirken, sondern auch die Bäuche?

An der Energie. Gerade anfangs sind Antworten oft rational, alles bleibt schön an der Oberfläche. Ich spüre dann: Das sind eingeübte Antworten. Und ich merke oft auch die Anspannung, die damit einhergeht: Was will die von uns? Gräbt sie jetzt in unserem Keller Leichen aus? Wird es danach schlimmer sein als davor?

Und irgendwann gibt es einen Punkt, an dem die Situation positiv kippt. Es wird ruhiger. Antworten kommen nicht mehr sofort. Jemand sagt: Da muss ich jetzt einmal nachdenken. Oder es wird gar nichts gesagt. Dieses Schweigen ist oft ein Indiz, dass es tiefer geht.

Kann man Intuition lernen?

Ich vermute, man verfügt von Anfang an über Intuition. Schon als Kleinkind braucht man sie: Welche Regung braucht es, damit meine Eltern reagieren?

Ich würde ja niemanden überzeugen wollen, intuitiv handeln zu müssen. Ich glaube aber, man kann lernen, Intuition ernst zu nehmen. Dafür braucht es möglicherweise Mut. Den Mut zu sagen: Ich spüre etwas. Ich kann es nicht beschreiben, aber es ist da. - Im Business ist das ja noch wenig etabliert. Damit landet man schnell auch in der Eso-Ecke.

Ich versuche, dafür Raum zu geben. Ich sage im Coaching zum Beispiel: Ich spüre, dass da etwas anderes dahintersteckt. Keine Ahnung was, aber was könnte es sein? Oder im Team: Ich spüre, da ist etwas im Keller. Dann warte ich. Ich glaube, das ist wichtig: dass man der Intuition Raum gibt.

Noch ein anderer Zugang: Du arbeitest viel mit Werten. Wo liegt für dich die Verbindung zwischen Werten und Intuition?

Werte sind Guidelines. Überzeugungen. Sie zeigen, was mir wichtig ist. Wenn ich meine Werte nicht kenne und nicht kommunizieren kann, weiß ich dann überhaupt, was mir wichtig ist?

Durch Werte gewinnen Menschen wieder Verständnis für sich selbst. Damit öffnen sie auch die Tür zur Intuition.

Werte müssen nicht nur benannt, sondern gelebt werden. Wenn ein Unternehmen Wertschätzung an die Wand schreibt, sollte jede:r diese Wertschätzung spüren, sobald er oder sie durch die Tür kommt. Wenn Handschlagqualität ein Wert ist, möchte ich sie erleben, nicht nur irgendwo lesen.

Die Intuition prüft die Stimmigkeit. So gehören Werte und Intuition für mich im Kern zusammen.

Und welche Rolle spielt Reife? Wird man mit dem Älterwerden intuitiver?

Ich war ein ziemlicher Kopfmensch. Dahinter lag Unsicherheit. Die habe ich versucht, mit Wissen zu kompensieren. Je mehr ich davon angesammelt hatte, desto eher konnte ich mich beruhigen: Jetzt bin ich gut.

Das hat sich mit der Erfahrung verändert. Das Wissen-Wollen habe ich durch ein Spüren-Wollen ersetzt. Und so bin ich auch sicher geworden.

Trotzdem glaube ich nicht, dass Intuition jahrelange Reife braucht, wie ein guter Wein. Intuitiv ist jeder Mensch. Ganz sicher.

Klaudia Stauder

Klaudia Stauder

Karin Stauder ist Coachin, Mentorin, Trainerin und Unternehmensberaterin in Linz. Sie begleitet Führungskräfte, Teams und Frauen, die über sich hinauswachsen wollen. Als Werte-Coach ist sie Teil des Expert:innen-Netzwerks der VALUES ACADEMY Europe.

Karin lebt in Oberösterreich.

www.karinstauder.at

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