"Das ist manchmal wie ein Ausatmen"
Im Gespräch mit Jana Dörfelt.
Jana Dörfelt über Embodiment, „Methodenwahn“ – und das Kribbeln, das entsteht, wenn Menschen wieder in Verbindung kommen.
Interview: Ernst Demmel.
Es gibt Formate, die müde machen, bevor sie beginnen. Weil man ahnt, was kommt: Methode, Ablauf, Post-its, Reflexion, Ergebnis. Nichts davon ist so ganz falsch. Trotzdem bleibt die Sache leb- und lieblos.
Jana Dörfelt interessiert sich für das Gegenteil. Für Veränderung, die nicht mit einer starren Methode beginnt, sondern bei dem, was tatsächlich im Raum ist. Bei Körpern, Stimmen, Widerständen, Sicherheit, Irritation. Bei der Frage, warum Menschen zwar anwesend sind, aber mitunter nicht wirklich da. Sie selbst nennt ihre Arbeit „Non-boring Veränderungen mit allen Sinnen“. Gemeint sind kunstbasierte, somatische und nervensystembasierte Interventionen. Also Eingriffe, in denen Wahrnehmung nicht als Auflockerung vorkommt, sondern als Quelle von Erkenntnis. Wo der Körper nicht stört, sondern seine Informationen ernst genommen werden.
Es geht um Intuition als „Human Intelligence“; nicht als romantischen Gegenentwurf zur rationalen Analyse, sondern als besondere Form von Wahrnehmung, die einen Tick früher einsetzt. Im Gespräch erzählt sie, was Embodiment konkret heißt und woran jemand merkt, dass sich wirklich etwas verschoben hat.
Jana, du arbeitest mit „Non-boring Veränderungen mit allen Sinnen“. Wie bist du auf diese Überschrift gekommen?
Konkret sind es kunstbasierte, mittlerweile auch somatische Interventionen. Aber die Beschreibung ist eine ewig währende Beta-Version. Der Versuch, zu benennen, was ich mache, verändert sich immer wieder mal.
Was hat dich an klassischen Formaten gestört?
Vieles. In klassischen Formaten steckt so eine Methodenverbissenheit drin, bei der es vor allem darum geht, eine Methode anzupreisen und dann „richtig“ anzuwenden. Ob diese dann „Design Thinking“, „Change Management“, „Agile“ oder wie auch immer heißt, irgendwann hatte ich den Eindruck: Das Muster ist meist das Gleiche. Es geht nur um die Hülle. Darum, dass Leute sagen können, ich habe mir diese und jene Methode angeeignet, habe ein neues Zertifikat, bin Expert:in. Und nach zwei oder drei Jahren kommt die nächste Methode, und der Zirkus fängt von vorn an. Es ist, als ob die Methoden zwischen mir und den Leuten im Raum stehen. Als Sicherheit, immer zu wissen was als Nächstes zu tun ist. Was wirklich da ist, was die Leute wirklich mitbringen, bleibt dabei auf der Strecke.
Ich finde es viel schöner, in der Arbeit mit Menschen auf das reagieren zu können, was sie gerade tatsächlich bewegt. Sicher, auch ich habe eine Idee für eine Intervention, bereite mich vor. Ich nutze Hilfen wie Abläufe, Übungen, Checklisten, Tools. Aber genauso: Was braucht's gerade? Wie kann ich Platz schaffen für das Leben, das gerade im Raum geschieht, ohne die verfremdende Kunstsprache der Methoden?
Bei dir ist es „Embodiment“. Was meinst du damit ganz konkret?
Dass wir den Körper ganz oft vergessen. Es geht mir darum, Körperlichkeit zurückzuholen. Wir legen Wert darauf, schlau und intellektuell zu sein. Wir machen uns über so viele Dinge Gedanken. Wir arbeiten kognitiv, alles passiert in unserem Kopf. Ich habe in meiner eigenen Erfahrung gemerkt, was für ein großartiger Resonanzraum mein Körper ist: Wenn ich also darauf achte, was in meinem Körper passiert, informiert das meine Entscheidungen. Es ist eine zusätzliche Informationsquelle und wichtige Entscheidungshilfe.
Jetzt gerade haben du und ich eine Interaktion. Was geschieht in diesem Moment in meinem Körper? Wenn ich nicht nur in meinem Kopf bin und in meinem intellektuellen Gelaber, dann gibt mir mein Spüren eine Information, zu der ich sonst vielleicht gar keinen Zugang hätte. Ich hab einen kleinen Kloß im Hals, meine Hände sind schwitzig, ich bin nervös. Das sind für mich wichtige Signale: Okay, was passiert hier gerade? Das kann ich unterdrücken und so tun, als ob ich alles im Griff habe. Ich kann das aber auch als wichtige Information aufnehmen, meine Nervosität ernst nehmen und daraufhin Entscheidungen treffen, die mir helfen, in unserem Gespräch wieder gelassener und sicherer zu werden. Dann versuche ich, Anspannung abzubauen, mich weich zu machen. Ich lockere meine Schultern ein kleines bisschen und nehme einen vollen Atemzug in den Bauch. Das gründet mich. Ich kann jetzt besser bei mir und bei deinen Fragen sein, kann freier sprechen.
Das Coole ist, dass das Gespräche grundsätzlich verändern kann. Wenn du merkst, du bist in einem Gespräch und irgendetwas ist ein bisschen seltsam, kannst du damit spielen. Was passiert, wenn ich mich jetzt ein bisschen weicher mache? Einfach als Versuch. Als Experiment. Und ganz häufig verändert sich in diesem Moment die Unterhaltung.
Ich kam durch die Kunst dahin. Ich zeichne viel. Ich liebe es, wenn meine Hände voller Tusche sind. Wenn ich wirklich dreckige Hände habe vom Kunstmachen. Oder mir davon sogar irgendetwas wehtut. Den Körper besser mitzunehmen – das ist für mich Embodiment. Was weiß der Körper, bevor der Kopf es formulieren kann und wie kann ich dieses Wissen gezielt einsetzen?
Du arbeitest mit Menschen in und aus Organisationen. Was beobachtest du, wenn Menschen stärker ins Wahrnehmen kommen?
Ich möchte das so beantworten: Ich habe in letzter Zeit sowohl erfahrene Führungskräfte und Teams als auch junge Erwachsene und Studierende begleitet. Und ich stelle fest, wie wenig Kontakt sie zu sich selbst und zu ihrem Körper haben. Sie werden für ein Projekt, die Karriere oder ihren Bachelor durch die Systeme gejagt, funktionieren bloß noch. Sie spüren sich nicht mehr und übersehen deswegen, was diese Systeme eigentlich mit ihnen machen. Vorrangig beschäftigt sie: Warum bin ich noch nicht in dieser oder jener Position? Wie komme ich schnell dahin? Und dann verwachsen sie zu so eigenartigen Maschinen, die in einer fast unendlichen Selbstoptimierungsschleife feststecken, wie in einem Hamsterrad. Müdigkeit, Langsamkeit und Konzentrationsstörungen werden nicht als körperliche Warnsignale, sondern als Mangel verstanden – und dann versucht man, sie wegzuoptimieren. Wenn ich dann mit ihnen arbeite und sie lernen, ihre körperlichen Signale wahrzunehmen und zu verstehen, wird sichtbar, wie viel sich verändert, sobald sie wieder mehr Kontakt zu sich selbst bekommen. Das ist manchmal wie ein Aufwachen.
Das stelle ich mir mitunter herausfordernd vor.
Ja, letztens hatte ich folgende Situation. Alle Teilnehmer:innen waren wie in Minigrüppchen. Fast alle hatten sofort ihren Laptop offen. Ich stand da wie vor einer Mauer. Und dann viel Kichern, viel Selbstschutz. Ich habe drei Tage mit ihnen gearbeitet. Und mit der Zeit wurden die Laptops tatsächlich weniger. Und stattdessen mehr Augenkontakt, mehr Gespräche, mehr echtes Zuhören, mehr echtes Interesse und Neugier am Anderen. Was habe ich versucht? Nun, erstmal selbst zugehört und geschaut: Wo sind sie? Was ist wirklich ihr Thema? Und ich habe versucht, ihnen bewusst zu machen, dass sie durch ihre eigene Präsenz Einfluss auf sich und andere nehmen können. Dass es dafür keine Tools und Methoden braucht, sondern die Bereitschaft, sich auf den Anderen einzulassen.
Am Ende sagte die Gruppe: „Wir waren noch nie so zusammen wie jetzt.“ Oder: „Usually we don’t listen, but here we listen.“ Und: „Usually we come tired and leave tired, but here we were full awake.“ Das ist total schön zu sehen: wie sie miteinander fühlen, miteinander in Verbindung kommen. Embodiment, Somatik, Körper – das zeigt: Wenn du mit dir selbst in Verbindung bist, kannst du mit anderen in Verbindung gehen. Das war, glaube ich, hauptsächlich das, was sie mitgenommen haben.
Das klingt ja nach einem schönen Gegenentwurf zum Hamsterrad. Gleichzeitig arbeiten wir mit Unternehmen – und liefern vor allem auch Formate, damit Wirtschaft funktioniert. Wie gehst du mit dieser Spannung um?
Ist das so? Liefern wir nur Tools dafür, dass die Wirtschaft läuft? Ich vermute: Wenn Leute glücklich und motiviert und mit sich selbst und mit ihren Kolleg:innen gut sind, dann haben sie auch Lust zu arbeiten. Dann haben sie eine Freude daran, dort, wo sie Sinn erleben, wirksam zu werden. Etwas beizutragen. Und sie spüren aber auch, wo die Systeme sie einengen, sie selbst zu Maschinen werden – und wie man dem widerstehen kann. Es geht darum, die Bedingungen der eigenen Wirksamkeit wieder in die eigenen Hände zu nehmen.
Wir sprachen von „Verschiebung“. Wie merkt die Gruppe körperlich, dass sich wirklich etwas verschoben hat?
Ich glaube, das sind so Mikroverschiebungen. Da ist manchmal so ein Ausatmen, ein Seufzen. So ein ablegendes Seufzen. Oder wenn sich Aufregung breit macht, diese Erregung, dieses Kribbeln: „Ich habe voll Lust, das einmal selber auszuprobieren.“ Vielleicht ist es auch erst einmal ein anderes Spüren. Ein weicherer Bauch. Mehr Kontakt. Mehr Verbindung. Ein Blick, der weiter wird. Und am Schluss dann dieses Kribbeln: Da hat sich etwas geöffnet.
Jana Dörfelt
Jana Dörfelt ist Gestalterin, Künstlerin und Facilitatorin. Sie arbeitet mit kunstbasierten und somatischen Ansätzen in Organisationen und Bildungseinrichtungen.
Jana lebt in Berlin.
Der Intuition Raum geben
Gespräche über das, was wir spüren, bevor wir es wissen.
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